Familie = Freunde?

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Familie = Freunde?

Gerade komme ich von einem besonderen Klassentreffen zurück. 40 Jahre Hauptschule.

WOW. Zwei Drittel der Abschlussklasse sind gekommen und ein Lehrer war auch dabei.

Es war einfach nur schön, alte Gesichter wiederzuerkennen, meiner Jugendliebe die selbige zu beichten und mit allen einen schönen Abend (und die halbe Nacht) zu verbringen.

So unterschiedlich die Menschen, so unterschiedlich deren Lebensläufe.
Spannend und überraschend manchmal, erwartbar und sehr geradlinig ein andermal.

Einige haben nie den Weg aus dem Dorf hinaus gesucht, andere sind wieder zurückgekommen… und ein paar sind in der Ferne hängen geblieben.

Die einen haben eine eigene Familie, andere gerade wieder eine Zweier-Beziehung und so einige hadern mit der Familie, deren Teil sie seit Lebzeiten sind.
Erschreckend groß war für mich die Anzahl derer, die mit einem Teil oder mit der ganzen Familie gebrochen haben.

Da war die Geschichte der Tochter, die sich von ihrer dement werdenden Mutter verabschiedete, weil der Rest der Familie befand, dass die Mutter nach jedem Kontakt ihrerseits so aufgewühlt wäre. Und das mochte man nicht.

Oder der Sohn, Teil einer vielköpfigen Familie, der nach frühem Tod von Mutter und Vater die Sehnsucht hatte, alle bei einem Familienfest wieder zu vereinen.
Das erste Mal waren alle begeistert. Beim dritten Mal im dritten Jahr kam keiner mehr…

Und die Schwester, deren Bruder ihr mitteilt, dass er sich wünschen würde, dass es sie nicht geben würde…

Etwas schmerzlich denke ich an meinen Bruder. Manchmal vermisse ich ihn. Gerne würde ich ihm erzählen, was ich mache und würde mich darüber freuen, wenn er mir berichtet, wie es ihm so ergeht.
Aber mir geht es besser ohne den Kontakt zu ihm. So schicke ich ihm ab und an gedanklich gute Grüße und hoffe, dass sie ankommen mögen.

Manchmal bleibt nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, als egoistisch sich und die seinen zu schützen, zu erkennen, dass Familie nicht in jedem Fall gleich Freunde sind.

Manchmal gilt es zu erkennen, dass jeder seine Grenzen hat. Diese basieren auf einer Vielzahl von Erfahrungen und Erlebnissen. In ihnen ruhen Hoffnungen, Scham und Glückseligkeit. Aber auch Enttäuschung, Wut und Zorn.

Manchmal hilft kein kitten, diskutieren oder gar betteln, manchmal ist es einfach zu spät, der falsche Augenblick, die unglückliche Situation – und der Bruch ist da.

Manchmal ist es gut so – manchmal nicht… und meist tut es sehr weh.

Ein Mittel der Wahl, den Schmerz zu überwinden ist dann das Verzeihen. Den anderen – aber auch (ganz besonders) sich selbst. Barmherzig sein.
Nachsichtig sein.

Das Verstehen der menschlichen Unzulänglichkeit und deren Folgen.
Das Verstehen des Schuldmanagements, das zumeist ungenügend mit sinnvollen Werkzeugen ausgestattet ist.
Das Verstehen der Sprachlosigkeit, die alles noch schlimmer macht und unerklärbar zu sein scheint.
Das Verstehen der Akzeptanz dessen, was man nicht verändern kann – das Verstehen der eigenen Machtlosigkeit ob der fehlenden Möglichkeiten, Konflikte zu lösen, Knoten zu entwirren und zu entknoten.

…und auch dem Eingeständnis, dass wir trotz dem Göttlichen in uns, kein Gott sind und wir mit unseren Gefühlen, Emotionen und oft genug auch mit unseren wirr anmutenden Gedanken stets beeinflussend sprechen, gestikulieren und handeln. Das wirkt auf uns selbst und unser Umfeld. Immer.

Glauben wir daran, das es für Gutes wie für weniger Gutes Gründe gibt… oft genug liegen sie im Verborgenen und wir können sie (noch) nicht erkennen.

Lassen wir es zur Ruhe kommen… hin und wieder finden auch Wege wieder zusammen. Ihnen alles Gute.